Susanne Meier-Faust, M. A. März 2023 info@Susanne-Meier-Faust.de
Arkana-Forum GmbH Tagungszentrum
Im Hausgrün 29, 79312 Emmendingen
Clemens Seitz, Photographie
Eine Pflanze ist eine Blume, ist ein Baum, ist ein Wald…
10. März – 30. Juni 2023
Eröffnung: Freitag, 10. März 2023, 18 Uhr
Clemens Seitz ist ein Klassiker und Purist – für ihn ist „Photographie“ immer noch mit dem doppelten ph geschrieben – also in der ehemals klassischen Schreibweise. Sie lässt den Ursprung aus dem Griechischen erkennen – und wie das Wort weiterhin international in anderen Sprachen existiert und sofortvertraut erscheint. Auch die eigentliche Wortbedeutung wird dadurch unterstrichen – Zeichnen mit Licht, Lichtaufzeichnung.
Aber Clemens Seitz arbeitet nicht mehr analog, sondern mit Digitalkameras und lässt seine Bilder auf Spezialpapier für den Fotodruck herstellen. Im Druckverfahren mit echten Pigmenten werden sehr gute Resultate erzielt -farbig, s/w und auch in einem sanften Sepia-Ton. Die meisten der hier ausgestellten Arbeiten sind auf Alu-Dibond aufgebracht, so dass sie mit diesem festen Untergrund rahmenlos gehängt werden können. Das gilt auch für die mit Hilfe eines Scanners abgebildeten Scanografien, die seit 2006 entstehen und von denen viele Beispiele ausgestellt sind.
Einige Motive sind hinter Acrylglas gesetzt. Davon wird noch die Rede sein.
Dies alles vorausgeschickt, schauen wir uns die Ausstellung an. Die Hängung ist wohl überlegt und wird im vorgegebenen räumlichen Ambiente (Tagungszentrum mit Fluren) für die Bilder positiv genutzt: Es gibt Sichtachsen und ästhetische Zusammenhänge.
Natur in ihrer Vielfalt und in ihren Strukturen ist das Haupt-Thema in der hier gezeigten Fotoauswahl – dabei spielen dann Ästhetik des Objekts, Farbe und Form die Hauptrolle, v. a. bei einzelnen Objekten, die dank Scanner ihre Bildwerdung „erfahren“.
Da Clemens Seitz nicht nur Einzelmotive anfertigt, sondern auch verwandte Motive als Serie festhält, gibt es etliche Bildzusammen-stellungen und entsprechende Hängungen.
Hier zeigt er Bilder maximal in Viererkonstellation (außer der Doppelreihe von 18 S/W-Bildern von Gräsern und Pflanzen in Rahmen mit Schattenfugen).
Clemens Seitz, der mit der Fotografie 1995 begonnen hat, verbindet seine Zusammenstellungen von verwandten Motiven gedanklich mit musikalischen Gruppenbezeichnungen. Kein Wunder – er ist auch ausübender Musiker. So greift er die musikalische Spielbesetzung als kennzeichnenden Begriff vom Solo bis zum Quartett auf und verbindet sie mit dem Komponieren – seine Gruppierungen werden also komponiert und mit musikalischen Ideen verbunden, wie z. B. Rhythmisierung.
Der solistische Auftritt wäre dann wohl das große einzelne Fotoformat.
Als Beispiel nenne ich das S/W-Bild Vauban 2, 2018, 40 x 60 cm, das wie in einem Blick aus dem Fenster die von Schnee bestäubten Baumäste bildfüllend wiedergibt. Diese relative Nahsicht lässt dieses querformatige Einzelbild größer erscheinen und gibt im konzentrierten „Fensterblick“ das Astwerk und Geäst als schwarzweiße Struktur wieder.
Der Vergleich mit dem Bild als Fenster ist in der Kunstgeschichte seit der Renaissance (durch Alberti, Künstler und Kunsttheoretiker) eingeführt. Da jedoch der Blick des Bildes einen historisch gewordenen Moment wiedergibt, lässt sich an dieser Gleichsetzung Bild mit Fenster phänomenologisch (Edmund Husserl) nicht festhalten.
Als kleineres Gegenbild zum Schneegeäst in Vauban 2 erwähne ich noch das Bild Tauwiese 1, 2014, 20 x 30 cm – hier sehen wir ebenso wie im Winterbild einen bildfüllenden Ausschnitt aus der Wirklichkeit: die grüne Fülle der Gräservielfalt in einer Wiese. Hier der Blick auf den Boden, die Erde – dort der Blick nach oben in das Baumgeäst mit dem weißen Himmel dahinter.
In meiner Laudatio richte ich nun das Augenmerk auf weitere künstlerische Aspekte einiger ausgewählter Fotografien und Scanografien.
Ich betrachte die Arbeiten von Clemens Seitz als künstlerische Bilder, nicht als Beispiele einer Medien- oder Kommunikationswissenschaft.
Fotografie ist Teil der Kunstgeschichte, seit der Kunstcharakter der Fotografie spätestens Anfang des 20. Jh. anerkannt wurde. Fotografie ist Teil der Bildenden Kunst und wird entsprechend an den Kunstakademien und Universitäten gelehrt und erforscht.
Mit dem Titel seiner Ausstellung „Eine Pflanze ist eine Blume, ist ein Baum, ist ein Wald…“ knüpft Clemens Seitz an das berühmte Wort von Gertrude Stein an: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose…“ (1913: Rose is…/ Variante 1935: A rose is…)
Diese redundante Wiederholung dessen, was tautologisch auf sich selbst als das Immergleiche verweist, ist durch die Abwandlung von Clemens Seitz als Betonung des gemeinsamen Ursprungs der Erscheinungen aus der Natur mit den sich daraus entwickelnden Zuständen vom einzelnen Kleinen in das große Vielfältige zu verstehen.
Wie er das in seinen fotografischen Arbeiten einlöst, wollen wir anhand einiger seiner hier gezeigten Beispiele betrachten.
Zu seinen Bildinteressen gehören Architektur, Stillleben, einzelne Naturmotive wie z. B. Baumporträts und Blumen, Landschaften, Reisebilder – der Mensch ist eher selten Thema.
Mir hat er nach dem Kennenlernen und der direkten Anschauung einiger seiner Werke ein „Vademecum“, also einen Leitfaden zu Motiven und „Fundorten“ mitgegeben, aus dem seine Sorgfalt der eigenen Arbeit gegenüber hervorgeht – nicht nur in Bezug auf technische Details, sondern auch auf die Verbindung von Form und Inhalt:
Zum Beispiel zeigt sich sein inhaltliches Interesse daran, dass er „Panorama“ als Landschaftsbegriff versteht und folglich einige seiner panoramatischen Fotografien für die Landschaftsbilder nutzt, die ihm am Herzen liegen – so das Farbbild der Baumwipfel von Horben (Horben Panorama, 2020), ebenso das Bild der winterlichen Baumstämme (Horben Panorama, 2018), das in seinem neblig-kühlen Schwarz-Weiß das Gegenstück zum hier nicht gezeigten farbigen Horben Panorama von 2014 bildet (Horben oberhalb von Günterstal, unterhalb vom Schauinsland, also zwischen Tal und Berg gelegen).
Die Umsetzung des fotografischen Interesses ist abwechslungsreich:
Es gibt die unmittelbare Betrachtung der Natur mit einer Standort-wahl in der Natur – der schöne und besondere Einzelbaum mit entfaltetem Astwerk, die sanft geneigte Wiese – Kulturresultat jahrhundertelanger bäuerlicher Arbeit, für Stadtmenschen Ort der Erholung, der Erinnerung, der Selbstfindung.
Diese Empfindung stellt sich ein im Blick auf eine Landschaft mit der ihr eigenen Charakteristik wie im Bild von Horben, Bäume im Mai II, 2016, mit sanft gedehntem Wiesenhang, Waldsaum und Einzel-bäumen. Horben als einer der Lieblingsplätze von Clemens Seitz wird nochmals in einer schönen Paarung von Winter- und Sommer-Ansicht einer eindrucksvoll gewachsenen alten Buche mit Fernsicht gezeigt, Buche Horben, 2015/2016. Der Baum ist in seiner ausladenden Krone vom oberen Bildrand eingegrenzt, was aber diesem Motiv von Nähe und Weite einen Schutzcharakter gibt, so dass hier auch Geborgenheit als Thema aufscheint. Auch die warmtonige Sepia- Ausführung trägt dazu bei: Sie nimmt dem Winterbild die kalte Härte.
Eine weitere Arbeit im leicht bräunlichen Sepia-Ton statt hartem S/W gibt es in dem Tulpen-Bild von 2011. Es zeigt die eigentlich ver-schiedenfarbigen Blumen in sanften Tonlagen. So lenkt keine Buntheit von den besonderen Formen und Zeichnungen der Blüten und Blätter, von den Strukturen der Bildorganisation ab. Dieser Strauß zeigt im kleinen Querformat – fast wie eine klassische Sepiagrafik – eine elegante Gesamterscheinung.
Nun wende ich mich dem klassischen Bild einer klassischen Fotografie zu: der S/W-Arbeit mit dem Titel Hecken, das zudem als klassisches Triptychon ausgestellt ist – also mit einem mittleren quadratischen und zwei seitlichen hochrechteckigen Bildern. Die unterschiedlichen Grauwerte lassen die drei Motive zunächst nüchtern erscheinen und diese Farbabstraktion führt zur Wahrnehmung von fast flächigen Formabstraktionen – bis wir erkennen, dass es sich um parkartig geschnittene Sträucher, z. B. um Buchsbaum handelt.
Die Künstlichkeit des Motivs wird durch die abstrakt eingesetzte Nichtfarbe zu einer Anmutung von Monument gesteigert – unter-strichen von der Form des Triptychons, dieser Dreierkonstellation, die in der Bildgeschichte als Würde-oder Pathos-Formel gilt. [Altäre seit dem MA, Moderne: Beckmann] Das Naturmotiv mit seinem Wachstum wird unterdrückt – im angeschnittenen Motiv wird hingegen die Statik betont. Die Symbolform der Parkanlage ist in dieser Gestaltung des Künstlichen auf künstlerische Weise aufgehoben, dreifach ganz im Hegel‘schen Sinne – der ursprüngliche Zusammenhang ist entfernt, ist auf eine andere Ebene gehoben, er ist bewahrt in neuer Gestalt und in neuem Kontext.
Vergleichbar erscheint das Motiv Bananenblatt mit drei Bildern von 2015, je 20 x 30 cm: Aber hier mit drei Querformaten ist die Wirkung der gedehnten Dreier-Konstellation weniger klassisch – die drei Motive erscheinen in ihren Grauwerten sehr verfremdet – fast als abstrakt-unbestimmbare Materialien mit Strukturen.
Strukturen nahezubringen ist eine der selbstgestellten Aufgaben von
Clemens Seitz. Eine weitere Ebene der Naturbetrachtung bieten dann die Motive, die als optische Abstraktion zum fotografischen Bild werden – wie die eben genannten Bananenblätter. Als farbiges Beispiel zeigt sich hier eine Vierergruppe, in der v. a. die Motive Bärlauch (2018) und Gingko (2015) als Ausschnitt in starker Nahsicht zu einer abstrakten grünen oder gelben Monochromie werden. Farbpigmente geben den Ton an!
Der fotografische Prozess mit der Kamera wurde von Clemens Seitz im Sinn des Digitalen – wie erwähnt – durch die Arbeit mit dem Scanner erweitert, um eine neue Art der Tiefe in seinen Bildern zu erzielen.
Das Verfahren eignet sich für frei bewegbare Objekte, mit deren Größe die Auflagefläche ausgenutzt werden kann. Durch das Scannen lassen sich Strukturen abtasten (auch als Ausschnitt eines Bildobjektes) und mit der räumlichen Tiefenillusion ist eine besondere Brillanz der Scanografie verbunden.
In vier schmalen hochrechteckigen Formaten verbindet Clemens Seitz vier Scanografien zu einer Reihe. Sie zeigen vier Einzel-pflanzen: Nadelkissen 7, 2019 / Kurrajong-Flaschenbaum 1 a, 2018 / Narzissen 1, 2016 / Flaschenputzer 1-1, 2017, alle je 30 x 9,3 cm.
Die Freisetzung der Einzelpflanze vor dem dunklen Hintergrund hebt diese wie kostbare Einzelstücke hervor (denken Sie an die Tulpen-manie in Holland und Europa im 17. Jh., als einzelne Tulpen ein Vermögen kosteten und diese kostbaren Tulpen einzeln in teuren Gemälden porträtiert wurden). Diese Einzelpflanzen hier sind aber auch voneinander isoliert, was durch die Acrylglas-Abdeckung von 6 mm Stärke intensiviert wird. Durch diese Glasschicht ergibt sich ein zusätzliches visuell-ästhetisches Moment: Die Tiefenwirkung verschärft sich und verstärkt Schatten- und Lichtzonen, so dass z. B. die beiden Blätterkränze des Flaschenputzers als scheinbar plastisch-räumliche Elemente wahrgenommen werden können. Außerdem bekommt das Bildobjekt ein haptisches Moment und die Kostbarkeit des Einzelmotivs ist wie in einem gläsernen Tresor zur Schau gestellt.
Eine weitere Arbeit spielt mit der Reihe der Einzelpflanze auf anders
differenzierte Weise: Im Querformat von 32 x 100 cm sind neun Exemplare von Silybum marianum (Mariendistel), 2014, nebeneinander in einer symmetrischen Weise auf dunklem Hintergrund aufgereiht. Von der Mitte aus gesehen – einer Pflanze mit zwei Blütenköpfen – sind links und rechts drei etwa gleich hohe Pflanzen angeordnet, denen als beidseitiger Schluss jeweils ein kleineres Pflanzenexemplar beigesellt ist. Das Bild eines Hofstaates könnte mir dazu einfallen…
Von der Bildikonografie her ist hier die Freiburger Malerin Beatrice Adler zu nennen, die systematisch seit einigen Jahren Einzelpflanzen – v. a. Gräser und Löwenzahn als Pusteblumen – in kleinen Quadrat-bildern in feinster Weise malt. Die filigranen Pflanzen sind als eigenständige Realität im hellen Bildgrund ohne Verortung fest-gehalten. Verblüffend ist, dass die Malerin ebenso wie der Fotograf die Einzelpflanze vom unteren Bildrand her gesehen abgeschnitten darstellt.
Die von Clemens Seitz fotografierten Exemplare der Mariendistel haben ihre leuchtenden Blüten verloren – sie sind hier als vertrocknete, verdorrte Pflanzen fotografiert, deren Dornen an den kleinen Stengelblättern optisch hervorstechen. Die Mariendisteln zeigen alle Zeichen der Vergänglichkeit, als memento mori – gedenke des Todes! Diese Arbeit ist ebenfalls mit einer Acryl-glasschicht abgedeckt – hier wie ein gläserner Sarg für die vergängliche Natur…
In einer ausgesucht schönen und beziehungsreichen Dreierkonstellation von Mohnkapseln (Mohn 1, 2020), Knoblauchblüten (Knoblauch 3, 2019), und Artischockenblüte (Artischocke 8, 2019) ragen drei Pflanzenarten in den dunklen Untergrund hinein – wie aus einem unergründlichen Nichts tauchen sie auf. Aber die drei Bilder zeigen mit Stielen und Fruchtständen oder Blüten das Wesentliche der Gestalt der drei genannten Pflanzenarten. Bemerkt werden kann auch, dass – rechts beginnend – von der Einzahl über die paarweise Anordnung zur Dreizahl der ausgereiften Mohnkapseln eine konzeptuelle Anordnung getroffen wurde. Formal und farblich gleichen sich Artischocke und Mohn mit ihrer Entfaltung im Hochformat an und die beiden rötlichen Knoblauchblüten vermitteln leicht geneigt zu ihrer jeweiligen Nachbarpflanze. Im Grunde öffnen sich alle drei Bildkompositionen fächerförmig von unten nach oben – ohne jegliche Penetranz der Gestaltung.
Wir haben gesehen: Clemens Seitz nutzt seine beiden fotografisch-digitalen Techniken – einmal Kamera, einmal Scanner – optimal, um entsprechende Bildresultate zu erzielen. Von der Anlage her wären auch größere Formate zu wünschen, denn in vielen seiner Bilder ist eine innere Monumentalität enthalten, die erst noch entfaltet und in größeren Arbeiten wirksam werden könnte.
So kann ich mir das Bildpaar (je 30 x 45 cm) von Zimmertanne 5, 2019, und Zwiebelblüte 1, 2019, in seiner großartigen doppelten Reduktion der Form auf eine Arabeske der Linie in einem zusammengeführten großen Format gut vorstellen.
Meine kleine Bildauswahl traf ich, um bestimmte Aspekte der hier sichtbaren Bildsprache zu beschreiben.
Sie können hier noch etliche weitere Motive entdecken.
Clemens Seitz will seine bisherigen Motive weiter ausarbeiten – work in progress. Daher wird es interessant werden, seine fotografische Arbeit in weiteren Ausstellungen zu verfolgen und dann auch einer z. B. Siebenteiligen Serie zu begegnen.
In einigen Arbeiten ist der künstlerische Ausdruck in der Reduktion auf eine Oberfläche zu einem Bild der Abstraktion entwickelt – s/w wie farbig – und damit eine neue Kunstrealität erschaffen. In anderen wird die Nahsicht zu einem Erleben von Verletzlichkeit der Pflanzenwelt. Gleichzeitig wird ihre Preziosität, ihre Kostbarkeit deutlich gemacht. Pflanzen und Natur sind uns tatsächlich nahe gebracht – aber nicht seziert wie unter einem Mikroskop, sondern als Wesen der Natur – zu der wir als menschliche Lebewesen auch gehören -, deren Schönheit, Besonderheiten, Skurrilitäten und Vielfalt zu erhalten wir uns dringend bemühen sollten.
Susanne Meier-Faust, M. A. ©SMF2023
FORUM MERZHAUSEN
Fotografie-Ausstellung 3. Okt. – Nov. 2025
Clemens Seitz „Lines —“
Eröffnung am 2. Okt. 2025 mit Susanne Meier-Faust, M. A.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder des Forums Merzhausen,
lieber Clemens,
zum zweiten Mal spreche ich zu den fotografischen Arbeiten von Clemens Seitz, der sein vor vielen Jahren begonnenes fotografisches Werk inzwischen immer wieder öffentlich zeigt: Hier im Forum Merzhausen liegt der Ausstellung eine Idee zu Grunde: Von der vielartigen Erscheinung von Linie ausgehend, werden formale Aspekte der Linie als verbindende Ästhetik der Gesamtschau in den Vordergrund gestellt.
Clemens Seitz arbeitet mit einer Digitalkamera und lässt seine Aufnahmen auf qualitätvolles Fotopapier ausdrucken.
Die drei großen Formate auf der Hauptbildwand tragen auf jeweils ganz eigene Weise diesem Anspruch Rechnung. Sie gestalten das Licht als Linie in sehr unterschiedlicher Wirksamkeit.
Die Dreiergruppe aus großen Querformaten (jeweils 110 x 150 cm) beginnt rechts mit einem ruhigen, schwarzgrundigen Motiv, benannt „Poggi“ (2022). Aus einer fast ornamental anmutenden Doppelform aus kreisförmigen Linien führt eine helle Lichtlinie senkrecht heraus und endet fast mittig am oberen Bildrand. Die kreisförmigen Ornamente aus hellen Lichtlinien scheinen als Bewegungsmotiv am vorderen Bildrand mit wenig Raumtiefe zu sitzen.
Die beiden weiter links hängenden Bilder haben ihrerseits Bewegungsmotive, die als solche gesehen werden wollen und sollen: Das stark von Linienformen auf dunklem Grund bewegte Motiv mit der hervortretenden orangefarbenen Lichtform trägt die Bewegtheit in sich – eine Dynamik ohne bestimmte Richtung – durch die unregelmäßig und quer verlaufenden farbigen schmalen Lichtlinien. Das dominierende Lichtsymbol wird durch die weiß-gleißende Binnenlinie in seiner Wirkung gesteigert und beherrscht Format und Gesamtwirkung. Nur eine weitere helle Linie läuft bandartig über die orangefarbige Bogenform hinweg – sie bildet sogar eine Verstärkung der Hauptform in dreidimensionaler Richtung (umgestülpter Becher) und unterstreicht die Mehrdimensionalität der Bildform.
Das dritte Großformat wirkt zunächst ruhig bis gleichförmig in der Aufreihung der fast senkrechten, vielfarbigen Lichtlinien. Während Bild „Vathi“, 2013 in Richtung Außenraum oder Betrachterraum vorzustoßen scheint, zieht umgekehrt das Bild „San Sebastian“, 2016 eher zu sich hinein. Die tänzerisch bewegten, vielfarbigen Lichtlinien erscheinen Tanzenden ähnlich als große Gruppe auf einer Bühne. Auf dem glänzenden Boden spiegeln sich die Ansätze der Lichtlinien und ziehen den Blick ins Bild hinein. Bei näherer Betrachtung überlagern sich aber auch hier viele der Farblinien und verbinden sich zu tiefenräumlichen Erscheinungen. Die tänzerische Leichtigkeit, Eleganz und Dynamik der Lichtlinien bleibt aber als Haupteindruck bestehen.
In allen drei Bildern, die hier als Hauptwerke hängen, hat der Künstler Clemens Seitz ein Bewegungsspiel mit den Aufnahmemöglichkeiten seiner Kamera getrieben, um motivische Lichter zu dynamischen Lichtlinien werden zu lassen. Die Bewegungen sind gezielt eingesetzt, um jeweils ein ästhetisches Bild aus aufgezeichnetem Farblicht zu gewinnen. Mit „Lines…“, dem Titel seiner Ausstellung, hat Clemens Seitz sich selbst die programmatische Vorgabe gesetzt, um aus seinen Arbeiten ein gelungenes Ausstellungskonzept zu gewinnen.
An den Jahresdaten lässt sich erkennen, dass einiges an Bildmaterial über die Zeit sich angesammelt hat, was durchaus auf einen gemeinsamen Strang der ästhetischen Vorlieben hindeutet, die in das Gebiet einer abstrahierenden Linearität weisen.
So ist auf dem rechten Abschnitt der Hauptwand ein bedeutsamer Unterschied zu den Lichtlinien-Fotografien wirksam:
Hier handelt es sich um gefundene Linien oder ganze Lineamente, die als fotografisches Material im Straßenraum entdeckt und in einem künstlerischen Format aufgenommen wurden.
In dem Viererblock aus kleinen Quadratbildern mit dem Titel „Asphalt“, 2010, sind die Linienmuster unterschiedlich gewichtet. Entsprechend hat Clemens Seitz sie in einer diagonalen Anordnung gehängt: Links oben und rechts unten sind ungeordnete bis „wilde“ Lineamente zu sehen, rechts oben und links unten sind es diagonal geführte Linien, die einer Schraffur gleichkommen, wobei der wohl fast flüssige Asphalt hin und her – wie in einer Art Schreibbewegung – aufgeträufelt wurde. Auf diese sich diagonal entsprechende Weise gehängt, haben diese vier Aufnahmen aus dem Straßenraum etwas wie eine künstlerische Verdichtung erfahren.
Die fünfteilige Reihe „Neubronnstraße“, 2013, nennt den Entstehungs- und Fundort dieser Asphaltzeichnungen selbst. Hier sind einzelne, oft parallel senkrecht geführte Linien auf dem Grau des Untergrunds als formintensive, rein abstrakte Zeichnungsstruktur sichtbar.
In den Fotoarbeiten, die auf der Wand links Richtung Eingang und
Garderobe hängen, finden sich weitere Arbeiten, die auf unterschiedliche Weise sich in die Gesamtschau der „Lines …“ einfügen: In einer senkrecht gehängten Dreiergruppe links sehen wir drei netzartige Motive mit dem Titel eines Ortes aus dem Aostatal (Val Saravenche (01, 02a, 03) von 2012), während die rechte Dreiergruppe aus formal und motivisch unterschiedlichen Aufnahmen besteht, die aber wie die Netzmotive das kleine Querformat von 30 x 21 cm haben. Die Titel entstammen den Ferienorten, in denen das jeweilige Motiv entdeckt und aufgenommen wurde:
Zuoberst hängt „Sifnos“, 2013, das – wie die folgenden Bilder – aus einer eigenen Serie ausgewählt wurde. Wir sehen, dass auf einem felsigen Untergrund eine weiße, rundgeführte Linie aufgebracht wurde, die als in sich geschlossene, leicht unregelmäßige Form eine Umgrenzung darstellt.
Vermutlich war das Zeichen als Markierung an einem Weg gedacht. Als Bildmotiv wirkt es abstrakt und geheimnisvoll, offen für persönliche Deutungen… Kunsthistorisch gesehen, erfüllt es die minimal-reduzierte Gestaltung einer abstrakten Bildkomposition, wie wir sie von Malern der Abstraktion der 1950er Jahre kennen.
In der Mitte der senkrechten Dreiergruppe ist das Bild „Cervo“ von 2011 zu sehen. Es enthüllt seine monochromen Motive nicht – die lineare Gestaltung ergibt sich aus wohl aufgelegten feinen Ästchen oder Halmen, die als eine Art helles Raster auf dem braungrauen Untergrund liegen. Auch hier bezieht sich der Bildtitel wieder auf einen italienischen Ort, hier in Ligurien, wo dieser Bildfund gemacht wurde. Es ist zu betonen, dass Clemens Seitz ein besonderes Auge für solche Erscheinungen quasi am Wegesrand hat und sie durch seine Aufnahmen als bildkünstlerische Motive würdigt.
Das gilt auch für das dritte Bild der senkrechten Reihe mit dem Titel „Porto Maurizio“ von 2012, das wiederum als Nr. 4 Teil einer Motivserie ist. Hier entwickelt sich durch Verfärbungen auf dem grauen Felsgestein eine Art pflanzlicher Doppelschönheit, die auf zwei zierlich-dünnen Stengeln ihren Halt zu finden scheint. Kommen wir zur grünen Wand im seitlichen Gang: Hier hängt ein viertes Großformat, das „Tunnel-Triptychon“, das mit 2007 datiert ist. Das dreiteilige Bild besteht aus drei Querformaten übereinander: Hier werden drei Lichtsituationen wiedergegeben, die bei Tunnelfahrten aus dem fahrenden Auto heraus mit festgestellter Kamera fotografiert wurden. Die in der Mitte jeweils gespiegelten Motive ergeben in der etwas distanzierten Gesamtsicht eine figurativ-künstlerische Anmutung. Oben eine Art spitzer Kopfbedeckung (herabgelassener Helm) – dann im zweiten Querformat Schulterpartie in gestreiftem Oberteil (Hemd), starker Hals, darunter die verrutschte Fliege mit grünen Streifen..… Das ist aber nur ein optisches Spiel mit den drei Aufnahmen, die allein für sich genommen interessante Lichtlinienmuster ergeben.
Die oberste Aufnahme in starkem Hell-Dunkel-Kontrast lässt bei näherem Hinsehen eindeutig die Tunnelfahrt durch das winzige Bild eines fahrenden Autos erkennen. Die Aufnahme erweckt mit ihrem speziellen Formduktus einen starken Verfremdungseffekt. In ihr spielen die relativ ruhigen Flächenfarben und wenige Lichtlinien die Hauptrolle.
Die beiden weiteren Querformate im Gesamtaufbau nach unten werden von dem Spiel der Lichtlinien bestimmt. Diese zeigen allerdings einen gegensätzlichen Charakter:
Bei dem mittleren Motiv prägen den Bildmodus die weißen, senkrechten Lichtlinien, die von entgegenkommenden Scheinwerfern herrühren. Durch das Fahrtempo und die Dynamik des Raumes entstehen diese Muster. Den besonderen, geheimnisvollen Bildcharakter erhalten die drei Aufnahmen durch die Teilung in der Mittelachse und durch die Raumzeitentwicklung im Verhältnis fahrender Kraftfahrzeuge und Aufnahmegerät. Die schwarzen Flächen in den beiden äußeren Formaten oben und unten binden die Dreiergruppe in ihrem Gesamtaufbau zusammen. Die Charakteristik dieser Querformate erinnert an alte kleine optische Spielgeräte der Kindheit und an Anschauungsbilder optischer Täuschungen. Hier knüpft die dreiteilige Arbeit an die mit der bewegten Kamera erzeugten Lichtlinienbilder an.
Insgesamt sehen wir hier Bilder, die der Erscheinung und dem Begriff der Linie huldigen. Dies geschieht auf sehr unterschiedliche, auch experimentell zu nennende Weisen, die hier in den künstlerischen Gesamtkontext einer Ausstellung eingegangen sind. Dadurch werden diese aus vielen Lebenszusammenhängen stammenden Fotografien herausgehoben aus ihrer Alltagsrealität und als künstlerische Ergebnisse präsentiert.
Ich wünsche dem Künstler und dieser Ausstellung viel Erfolg!
Susanne Meier-Faust, M. A. ©SMF 2025
E-Mail: clemens-seitz@gmx.net